Vom Spiel der ersten Mannschaft gegen Darmstadt 98...
09.10.11
Pierre Aden
... gibt es ein paar bewegte Bilder:
Goethe und die vierte Mannschaft
03.10.11
Alexander Gruza
Die Vierte war Ende letzter Woche gegen Bergen-Enkheims 6.Mannschaft gefordert; mal wieder ein Spitzenspiel, doch diesmal der umgekehrten Art: Wir noch sieglos, die Bergen-Enkheimer gar punktlos. Der Verlierer würde als designierter Absteiger gebrandmarkt werden.
Es wurde ein wahrhaft faustisches Ringen.
Außenstehende mögen derlei Umschreibungen für die belletristische Überhöhung einer prosaischen sportlichen Amateurveranstaltung halten. Darum sieht sich der Chronist veranlasst, die begriffgebende Autorität in dieser Sache anzurufen: Unser Johann Wolfgang von Goethe.
Unter all den bedeutungsvollen Dingen, die der Herr Geheimrat schrieb, mögen seine Beiträge zum Tischtennisspiel nicht die herausragendsten gewesen sein. Doch liest man seine Werke mit dem rechten interpretatorischen Einfühlungsvermögen, so gewinnt man schnell den Eindruck, er könnte ein Mitglied der 4. Mannschaft von Blau-Gelb gewesen sein.
Man lese und staune:
„Das Unzulängliche, hier wird´s Ereignis.“
Goethe war offenbar ein feinsinniger, zurückhaltender Mensch. Denn in Wirklichkeit gebärdeten sich die Spieler der Vierten an der Platte wie ungeschlachte Holzfäller, denen die Handhabung einer Bratpfanne erkennbar näher lag als die eines Tischtennisschlägers. Nach den Doppeln lagen wir mit 0:3 zurück, ein zuverlässiger Indikator für den Ausgang des Mannschaftskampfes. Unterhalb des ersten Paarkreuzes wurde die Linie konsequent fortgesetzt und ehe man sich versah, stand es leistungsgerecht 8:2 für die Gegner. Nun würde der Chronist gerne berichten, dass ein Weckruf ertönte, ein Ruck durch die Mannschaft ging – selbstverständlich mit den üblichen, aus Sportzeitschriften bekannten Folgen. Dem war nicht so. Vielmehr gingen wir weiterhin zur Platte wie die Ferkel zur Schlachtbank. Doch auf wundersame Weise sammelten wir nun Punkt auf Punkt, die Bankrotteure der ersten Spiele wurden unverhofft zu Gewinnern und weder die Gegner noch wir selbst vermochten zu sagen, wodurch sich das Blatt gewendet hatte. Beim Schlussdoppel gab es dann kein Halten mehr: Das gegnerische Spitzendoppel wurde von der Platte gefegt. Um es wiederum mit Goethe zu sagen:
„Das Unbeschreibliche, hier ist´s getan.“
In der Umkleidekabine wurde, nicht ganz unverständlich, der Gedanke laut, dies sei eine ausgezeichnete Gelegenheit, gemeinsam ein Bier – oder zumindest einen Kräutertee – zu goutieren. Dies kam nur teilweise zustande, denn die übrigen erklärten sich für indisponiert. Man sei beispielsweise noch mit Kumpels verabredet. Mag sein; es gibt Freitag abends für junge Männer zweifelsohne unterhaltsamere Verlockungen als den Konsum von Mineralwasser ohne Kohlensäure. Um Goethe in seiner Weisheit das Schlusswort zu überlassen:
„Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“
Die Kapitänsbürde
29.08.11
Alexander Gruza
Am 26.8.11 begann für die vierte Mannschaft die Saison 2011/12. Im Vorfeld war es zu weidlichen Diskussionen darüber gekommen, wer denn in der kommenden Spielzeit das ehrenvolle Amt des Mannschaftskapitäns bekleiden werde. Nun mag der von der politischen Kultur unseres Landes geprägte Leser denken, es sei sogleich ein wildes Gerangel um diesen Posten entbrannt. Doch weit gefehlt. Ein jeder blickte betreten nach oben zur Decke, äußerte aber unweigerlich das gleiche: Man habe – ach! – schon allerhand um die Ohren, so viel Arbeit, so wenig Zeit, man könne beim besten Willen nicht, leider, leider. Aller Augen begannen sich auf mich zu richten, während ich in gleichem Maße im Sitz versank. Ich drehte mich um, ob nicht jemand hinter mir stünde, dem solch ungeahnte Aufmerksamkeit in Wirklichkeit galt. Kalter Schweiß bildete sich auf meinem Nasenrücken. Nach Jahrzehnten aktiver, aber unschuldiger Kläpperei sollte mein letztes Stündlein nunmehr geschlagen haben.
Ich fragte nach, was dieser Job denn beinhalte. „Och,“ – man beachte die perfide Scheinheiligkeit dieses „och“! – „du musst nur die Begrüßungsrede am Anfang halten und nach dem Ende das Ergebnis dem Spielleiter übermitteln, weiter eigentlich nichts.“ In der Tat war mir leuchtend in Erinnerung, mit welch scheinbarer Leichtigkeit und Souveränität der Vorgänger im Amt seinen Laden beisammengehalten und die Vierte zum Aufstieg geführt hatte.
Ich zögerte trotzdem.
Ein anderer nahm mich beiseite und sprach zu mir in gedämpftem Ton: „Hör mir zu. Die Mannschaft, in der zu spielen nun einmal dein Los ist, ist eine Mannschaft von Tumben und Blinden. Du bist der einzige unter ihnen, der sehen kann und wissend ist.“
Ich widersprach nur in einem Punkte: Keineswegs sei ich wissend. Ich habe vielmehr, so gab ich zu verstehen, Jahre gebraucht, um die Kunst des E-mail-Versands zu meistern. Seither kämpfe ich mich, so fuhr ich fort, mit zweifelhaftem Erfolg durch die Gebrauchsanweisung meines Mobilfunkgeräts. Ich wisse nicht, wie man dem Netz den aktuellen Spielplan entlockt, ganz zu schweigen von den Geheimnissen und Abgründen der Ergebniseingabe. Ich sei, kurzum, denkbar ungeeignet für diese Aufgabe.
War es nicht der Alte Fritz, der sich selbst als ersten Diener seines Staates bezeichnete? Jedenfalls war ich auf deutlich weniger fürstliche Art zum ersten Diener der vierten Mannschaft auserkoren worden – es half kein Zetern und kein Zagen.
Meine erste Amtshandlung bestand im elektronischen Versand des Spielplans. Am Schluss meines Begleitschreibens zitierte ich aufmunternd Wilhelm Tell, gewissermaßen als Motto:
„Vereinigt werden auch die Schwachen stark!“
Allein, keines meiner Schäfchen fühlte sich angesprochen und nur einer gab die erbetene Teilnahmezusicherung für das erste Spiel gegen ASS II ab. Folglich versuchte ich an den Trainingsabenden, die Zustimmung der übrigen zu ergattern. Gleich der erste, auf den ich traf, antwortete voller Enthusiasmus: Ja, ja, selbstverständlich werde er am Sonntagabend mit dabei sein. „Sonntagabend?“ fragte ich entgeistert zurück. „Was ist am Sonntagabend?“ Es entspann sich eine knapp einstündige Diskussion, in deren Verlaufe ich versicherte, dass es am Sonntagabend kein Spiel geben werde; ich dies nachwies, indem ich einen Ausdruck des Spielplans vorlegte; Vereinskollegen hinzu bat, die das bestätigten; auf die Angaben im Internet verwies, und mich am Ende, ein schwaches Herz vortäuschend, frustriert zurückzog. Um nichts war der Mann von der Vorstellung abzubringen, dass unser Spiel am Sonntagabend stattfinden werde (erst Tage später gab er dann doch klein bei).
Der große Tag – ein Freitag – kam und kurz vor Spielbeginn waren wir gerade mal Viere. Außenstehende warfen mir bereits vorwurfsvolle Blicke zu und einer fragte: „Hast du dich denn nicht gekümmert?“ Doch, hatte ich. Wem ich im Training nicht hatte auflauern können, dem hatte ich hinterhertelephoniert; interessierten Parteien hatte ich den Spielplan nach alter Väter Sitte in Papierform ausgehändigt.
Man legte mir nahe, ich solle die beiden Abwesenden jetzt auf dem Handy anrufen. Ich gab kleinlaut zu, dass ich die Bedienungsanleitung meines Apparates noch immer nicht durchdrungen und ihn deshalb gar nicht erst mitgebracht hätte. Dankenswerterweise übernahm ein Dritter die Aufgabe der fernmeldetechnischen Kontaktaufnahme. In einem Fall erwies sich, dass der Betreffende das Heimspiel für ein Auswärtsspiel gehalten hatte und vor der Halle des Gegners blauäugig der Dinge harrte, die da kommen würden.
Im anderen Falle scheiterte der Anrufsversuch.
Was tun? Ersatz suchen? Zuwarten? Eine Vermisstenmeldung aufgeben? Beten?
Was also war zu tun??
Jener, der mir einst bedeutet hatte, als Mannschaftsführer habe ich mich nur um die Begrüßungsrede und den Ergebnisdienst zu sorgen, eben jener Zeitgenosse sagte nun zu mir:
„Das musst Du jetzt entscheiden.“ Punkt. Over and out.
Da stand ich nun, ich armer Tor und war so klug als wie zuvor.
Letzten Endes kam der heiß Ersehnte doch noch: Er habe die Bahn verpasst, sie sei erst gar nicht gekommen, er habe sein Handy vergessen, der Akku sei leer, überhaupt habe das Schicksal sich gegen ihn verschworen, er entschuldige sich, es werde nie wieder vorkommen, zumindest nicht sehr oft.
Nach all dem verwundert es den geneigten Leser nicht, dass meine Begrüßungsrede zu einer Abfolge von Peinlichkeiten verkam, die am Ende statt eines zünftig-brünstigen allseitigen „Gut Sport!“ nur ein verhärmt-verlegenes einsames „guten abend“ hervorbrachte.
Es hatte kein wissender, klarsichtiger Mannschaftsführer gesprochen, sondern ein winselndes, nervlich völlig zerrüttetes Wrack.
Das Spiel endete übrigens mit 8:8 .
Der Aufstieg
16.04.11
Alexander Gruza
In unserem Spiel können Zwerge Riesen überwältigen, korpulente Zeitgenossen können Bodybuilder besiegen und runzlige Alte regelmäßig junge Spunde schlagen. Natürlich lässt sich gleiches auch über andere Formen des Zeitvertreibs sagen – Schach beispielsweise, oder Alkoholismus. Doch Tischtennis ist einzigartig unter all diesen Gleichmachern; denn einerseits widersetzt es sich einfacher anatomisch bedingter Überlegenheit, andererseits handelt es sich um eine physisch intensive Betätigung. Tischtennis verlangt von uns gleichzeitig, dass wir unseren Körper einsetzen und dass wir ihn transzendieren.
Wir lernen Geduld. Wir lernen Demut.
Demut zu erlernen, das war denn auch das Los unseres Gegners, des uneinholbaren Tabellenersten, im letzten Spiel der Vierten in dieser Saison. Die Sossenheimer (II) hatten das entsprechende Vorrundenspiel gewonnen, doch für uns als Tabellenzweite ging es um Aufstieg oder Verbleib, Sein oder Nichtsein. Die Dramaturgie des Spielplans bescherte den Beteiligten ein echtes Endspiel.
Nun waren die Unseren allesamt wackere Spieler mit überzeugenden, wenn auch nicht makellosen Bilanzen; Ehrfurcht gebietend waren wir jedenfalls nicht. Diese Aufgabe übernahm vielmehr die sich im Verlaufe des Abends aufbauende Kulisse. Nahezu die gesamte Abteilung versammelte sich, um anzuspornen, anzufeuern, aufzumuntern, zu bejubeln und zu beklatschen. Zwar gab es keine Vuvuzelas und es geschahen keine Laolas, gleichwohl wuchsen manch einem der heimischen Kombatanten imaginäre Flügel - und er selbst über sich hinaus. Die Gegner aber, eine erwartungsgemäß spielstarke, wehrhafte Truppe, wussten fast nicht, wie ihnen geschah. Am Ende blieb ihnen – wenn auch widerwillig – eben nur Demut. In gewisser Weise war den Sossenheimern, bei aller sportlichen Fairness an der Platte, übel mitgespielt worden. Sie gingen schließlich in die Knie vor soviel Zuspruch verbunden mit einem in dieser Liga höchst ungewöhnlichen Zuschauerandrang.
Die beiden Punkte, die mit dem 9:5 Endergebnis den Aufstieg bedeuteten, wurden zu einem wesentlichen Teil errungen von der Solidarität nahezu sämtlicher Abteilungsmitglieder. Von 18 bis 80 waren alle Altersklassen vertreten. Sie gereicht der Abteilung zur Ehre; dies umso mehr, als die vierte Mannschaft naturgemäß nicht gerade das Flaggschiff der Tischtennisabteilung ist. Mit den Besten identifiziert sich ein jeder gern, doch wen interessiert normalerweise eine vierte Mannschaft?
Tischtennis zeigte sich an diesem Abend als Sportart, in der auch Verbundenheit, Teamgeist und Unterstützung ihren Platz haben.
Die Vierte gegen Unterliederbach V am Faschingsdienstag
11.03.11
Alexander Gruza
Zwischen Tischtennis und Mathematik gibt es engere Zusammenhänge, als es der Außenstehende für möglich halten mag. Es ist mitnichten die Rede vom beschwerlichen Zählen bis 11, welches eine buchhalterische und nicht eine mathematische Arbeit ist. Der Zusammenhang ist vielmehr von verdeckter, indirekter Natur. Kein Gebiet der Mathematik läuft dem vermeintlich gesunden Menschenverstand so zuwider wie die Wahrscheinlichkeitstheorie. Genau diese Eigenart teilt sie mit unserem geliebten Spiel, dessen Verlauf bisweilen jeder Prognose hohnlacht.
Hier sind einige Beispiele, geordnet nach zunehmendem Schwierigkeitsgrad:
1. Wenn eine Mannschaft sämtliche bestrittenen Doppel verliert, wie wahrscheinlich ist es da, dass sie im Gesamtergebnis trotzdem einer Niederlage entkommt?
2. Wenn eine Mannschaft mit 0:5 startet, wie hoch sind ihre Chancen noch, wenigstens ein Unentschieden zu erreichen?
3. Wenn eine Mannschaft im Verlaufe eines Abends sämtliche 5-Satz-Spiele abgibt, sagen wir: deren 6, wie sind dann ihre Aussichten insgesamt einzuschätzen?
4. Und zu gar nicht guter letzt: Wenn einer Mannschaft alle drei der zuvor aufgeführten Malaisen in demselben Spiel widerfahren, mit welcher Wahrscheinlichkeit kann sie dennoch ihrem Untergang entrinnen?
Ist dies rein rechnerisch überhaupt noch möglich?
Jene unter den geneigten Lesern, die mathematisch ambitioniert sind oder sich gern mit Rätseln und Knobeleien die Zeit vertreiben, dürfen sich an dieser stelle ein Timeout nehmen, um sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Doch ist dies keine Website für Leute, die sich mutwillig geistigen Anstrengungen aussetzen; vielmehr ist dies – ganz im Gegenteil – die Homepage von Pingpongspielern, noch dazu denen von Blau-Gelb.
Deshalb soll von den obigen Fragen auch nur die allerletzte beantwortet werden:
Ja, es ist möglich, denn genau das geschah nämlich mit der Vierten am Faschingsdienstag. Daraus, dass sie zwar sämtliche Doppel verlor (in Zahlen 0:4), nicht aber den Mannschaftskampf, folgt übrigens, dass er 8:8 ausgegangen sein muss.
Das von mehreren Zuschauern beider Seiten verfolgte Spitzenduell wurde mit zunehmender Leidenschaft geführt. Im Verlaufe des Spiels wurden – der salbungsvollen Begrüßungsreden längst nicht mehr eingedenk – Verbalinjurien und Fäkalvokabeln ausgetauscht, und auf beiden Seiten meldeten sich Pinkelfurze, Brüllhälse, Besserwisser und Stänkerer zu Wort.
Es war ein wunderbarer Faschingsabend!
Jedwede Vorausberechnung, jegliches Kalkül, Wahrscheinlichkeitsrechnungen sondergleichen, alles wurde über Bord geworfen. Tischtennis, welches als Profi-Disziplin nicht unbedingt eine Glanzzeit durchlebt, erwies sich als Gewinner des Abends:
Unwahrscheinlich, gleichmacherisch, amateurhaft, fehlbar.
Kurzum: Menschlich, allzu menschlich.
Postscriptum
Irgendwie passte es an diesem Faschingsabend der Widrigkeiten ins unkalkulierbare Bild, dass uns nach dem Spiel nicht einmal ein nächtliches Bier vergönnt war. Die eine Hälfte von uns fand sich mit einer Panne mitten auf der Autobahn wieder, die andere Hälfte dankte zu Hause dem großen Pingpongspieler im Himmel, dass zumindest dieser Kelch an ihr vorbeigegangen war.